Ein Tag im Leben einer Lektorin

 

Manche schauen mich mit leuchtenden Augen an, wenn sie hören, dass ich Lektorin bin. Ich sehe die Szene vor mir, die dann in ihren Köpfen abläuft: Den ganzen Tag entspannt auf dem Sofa lümmeln, mit einer duftenden Tasse Kaffee in der Hand und einem zufrieden schnurrenden Kater auf dem Schoß schöne Manuskripte lesen … ein Traumberuf!

Wenn ich meinem Gegenüber dann erkläre, dass die Realität eher nicht so aussieht und ich nur am Wochenende oder spät abends Zeit finde zum gemütlichen Lesen »aus Spaß an der Freud’«, werden erstaunt die Augenbrauen hochgezogen. Aber das Leben eines Lektors ist weitgehend von außen bestimmt; man arbeitet mitnichten im abgeschiedenen Elfenbeinturm oder gar auf dem Sofa. Die Aufgaben sind breit gefächert und dementsprechend unvorhersehbar sind auch die Tagesabläufe. Ein relativ »normaler«Tag in meinem Lektorat sieht ungefähr so aus:

 

Morgens: Kaffee machen (riesengroße Tasse!), den PC hochfahren und nachschauen, was es so Neues gibt. Zeitungsartikel, interessante Facebook-Beiträge lesen, auf persönliche Nachrichten von Freunden antworten etc. Danach meine E-Mails überprüfen: eingegangene Texte bestätigen, Anfragen beantworten, Manuskripte anmahnen und vor allem die neueste Stromrechnung geflissentlich übersehen!

Danach ein nettes Telefonat mit einem Autor, der ein Buch über die Kulturgeschichte des Alkohols schreiben will – gutes Konzept, Interessantes und Amüsantes zum Thema ist gerade bei diesem Autor zu erwarten. Auf so ein Manuskript freut man sich natürlich (und ich frage mich, ob man das wohl mit einem Glas Wein in der Hand lektorieren könnte?) …

Nachrichten auf Whatsapp: Cover-Vorschläge für ein fertig lektoriertes Buch mit Kurzgeschichten eines engagierten Selfpublishers. Welches Cover gefiele mir denn am besten? Eine Autorin warnt mich vor, dass sie in Kürze in Urlaub fahren wird, also muss ich die Erstkorrektur unbedingt vorziehen, bevor sie »entschwindet«!

Ein Buch steht kurz vor der Veröffentlichung, zwei Sätze müssen schnell noch eingefügt werden: Meine Autorin und ich kämpfen um die richtigen Worte. Gedankenverloren sinniert sie, warum denn nur immer so viele »der, die, das« im Deutschen stehen müssten? Warum nur so oft »ist, war, hat, hatte«? Ist das gar ein subversiver Aufruf zur radikalen Vereinfachung der deutschen Sprache? Eigentlich kein schlechter Gedanke …

Ein Kunde meldet sich mit der Bitte, ganz schnell doch einen Blick auf einen kurzen Pressetext zu werfen, »der heute unbedingt noch raus müsste«. Also schnell Umschalten im Kopf!

Endlich – es ist schon fast Mittag – eine zweite Tasse Kaffee (oder ist es schon die dritte?) und ran an die eigentliche Arbeit. Ein Kochbuch-Manuskript wartet auf den Abschluss der Korrekturen. Nach einer Stunde Korrekturlesen stelle ich entsetzt fest, dass am Ende Manuskripts einiges fehlt! Schnell den Autor anschreiben: Habe ich etwa eine unvollständige Datei von ihm bekommen oder ist nur das Inhaltsverzeichnis falsch? Warten auf Antwort …

Mein Magen fängt an zu murren. Aber schon klingelt mein Telefon: Ein Freund aus der Nachbarschaft fragt, ob ich nicht auf einen gemütlichen Kaffee vorbeikommen wolle? (Tja, wie man sich das Leben einer Freiberuflerin halt so vorstellt:  Die kann sich doch jederzeit »freinehmen«!) Leider muss ich ihn enttäuschen …

Nach einer kurzen Mittagspause (und einem besorgten Blick in den leeren Kühlschrank) Nachricht des Kochbuch-Autors: Er sei die nächste Zeit nicht am PC, werde die fehlenden Textteile aber so bald wie möglich nachliefern. Es rattert in meinem Kopf! Hektisches Telefonat mit dem Verlag: Könnten wir vielleicht spontan ein anderes Manuskript vorziehen? (Meine finanziellen Befürchtungen wegen dieses nun auf später »vertagten« Korrektorats erwähne ich lieber nicht.) Gottlob darf ich umdisponieren! Also von der Welt der Kulinarik schnurstracks ab in die Welt der Kinderbücher: Die Geschichten sind reizend, das Unternehmen Kinderbuch lässt sich recht gut an …

Früher Nachmittag: Diverse Anfragen auf Whatsapp zu einem neuen Buchprojekt, das noch ganz in der »Frühphase« steckt. Zum Beispiel die Frage einer Autorin, ob sie über Fratschlerinnen schreiben dürfe. Was, zum Teufel, sind denn bitte Fratschlerinnen? Also schnell Google befragen und ihr dann antworten …

Ein kurzer Blick in meine E-Mails: Ich wartete seit Tagen auf eine überarbeitete Erstkorrekturfahne und erhalte diese so zurück, wie ich sie vor Tagen mit der Bitte um Bearbeitung doch abgeschickt hatte – die Autorin hat sich offensichtlich vertan! Schnell eine E-Mail schreiben mit der Bitte um die richtige Datei. (Jetzt wäre mir das angekündigte Alkohol-Manuskript recht – mit »süffiger Beigabe«!) Stattdessen weiter mit den alkoholfreien Abenteuern im Kinderbuch …

Mittlerweile ist es früher Abend: Der leere Kühlschrank gähnt mich noch immer an, also noch schnell zum Einkaufen springen, bevor der Supermarkt schließt. Die frische Luft tut gut. Es wird bereits dunkel draußen. Und kaum ist der Kühlschrank wieder ein wenig aufgefüllt, piept aufgeregt das Handy: »Aufruhr« auf Whatsapp in einer Autorengruppe – Missverständnisse, Fragen, Unmut. Das hört sich gar nicht gut an! Ich verschicke Sprachnachrichten und versuche zu schlichten … nach einer halben Stunde: Ende gut, alles gut.

8 Uhr abends: Aufnahmefähigkeit und Konzentration sind auf dem Nullpunkt. Doch da fällt mir ein, dass ja gleich noch ein Zoom-Meeting mit einigen Autoren und einem Verleger ansteht. Es wird wohl ein längerer Abend werden …

 

So ungefähr sehen die Tage in einem freiberuflichen Lektorat aus. Von wegen »hehrer Elfenbeinturm« oder gemütliches Lesen! Jeder Tag ist anders, natürlich gibt es auch ruhige Zeiten, aber es wird niemals langweilig und vor allem – man lernt so viele tolle Menschen kennen … also doch ein »Traumberuf«, jedenfalls für mich!

PS: Das besagte Sofa gibt es übrigens tatsächlich – auf dem lümmelt nämlich tagein, tagaus gemütlich Kater Tony, der diesem Treiben mit stoischer Nonchalance oder mitunter fragendem Blick zuschaut …

 

 

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